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Astrid Lindgren

Zu Ostern 2017 stellte ich den Hörern auf Kibo.FM die schwedische Kinderbuch-Autorin Astrid Lindgren in einer Sondersendung vor. Auslöser war die Anime-Verfilmung von Ronja Räubertochter, die wenige Wochen zuvor komplett auf Deutsch veröffentlicht wurde. Auf dieser Seite könnt ihr alle Infos aus dem Special noch einmal nachlesen.

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Astrid Lindgren

Astrid Lindgren ist eine der erfolgreichsten Kinderbuch-Autorinnen der Welt. Geboren wurde sie als Astrid Ericcson am 14. November 1907 im schwedischen Vimmerby, gestorben ist sie im Januar 2002 in Stockholm - und in den 94 Jahren, die dazwischen liegen, verfasste sie zahlreiche weltweit erfolgreiche Kinderbücher wie Pippi Langstrumpf, Michel aus Lönneberga oder Die Kinder aus Bullerbü mit einer Gesamtauflage von 145 Millionen.

Ihre Kindheit als eins von vier Kindern auf einem Pfarrhof beschrieb Astrid Lindgren immer als sehr glücklich. Nach der 3-jährigen Grundschule durfte sie auf Empfehlung von Eltern einer Freundin auch noch eine weiterführende Schule besuchen, was damals für einfache Leute unüblich war. Ihre erste Anstellung fand Astrid im Alter von 18 Jahren bei einer Lokalzeitung. Zusammen mit deren Chefredakteur brachte sie ein Kind zur Welt, heiratete dessen Vater aber nicht, sondern zog stattdessen als alleinerziehende Mutter nach Stockholm, wo sie eine Ausbildung zur Sekretärin absolvierte. Astrids Sohn Lars, geboren im Dezember 1926, wuchs zunächst in einer Pflegefamilie auf, war als "kleines, verlassenes Kind" aber eine wichtige Inspiration für die späteren Geschichten seiner leiblichen Mutter, die sich oft um Kinder drehen, welche fernab ihrer leiblichen Eltern aufwachsen - beispielsweise in dem Fantasy-Roman Mio, mein Mio.

Erst 1930 holte Astrid ihren Sohn wieder zu sich, nachdem dessen Pflegemutter erkrankt war. Ein Jahr später heiratete Astrid den Bürovorsteher Sture Lindgren des Königlichen Automobil-Clubs, wo sie als Sekretärin arbeitete. Zusammen mit ihm bekam sie 1934 ihre Tochter Karin.

Barndomsbild på Astrid Lindgren Screenshot aus Mio, mein Mio
Familienfoto mit Astrid Lindgren: Sie ist die Dritte von links • Foto: hd.se, Lizenz: Creative Commons BY-SA 3.0 Das "kleine, verlassene Kind" trifft im Land der Ferne seinen Vater • Screenshot aus Mio, mein Mio

Diese Karin ist es, die indirekt Astrid Lindgrens Schriftstellerkarriere auf den Weg brachte. Zwar hatte Lindgren bereits in den früheren 30er Jahren kurze Weihnachtsgeschichten für Tageszeitungen geschrieben, aber 1941 wurde Karin krank. Am Krankenbett erzählte Lindgren ihrer Tochter Geschichten, und so kam es, dass Karin sich eine Geschichte über "Pippi Langstrumpf" wünschte - ein Name, den sie sich selbst ausgedacht hatte. Astrid Lindgren erspann daraufhin die bekannte Geschichte über das bärenstarke Mädchen, das mit einem Äffchen und einem Pferd in der Villa Kunterbunt lebt und allerhand Schabernack treibt, am Ende aber auch ihren Vater, den König von Taka-Tuka-Land, aus den Fängen von Piraten befreit.

Später schreib Lindgren die Abenteuer von Pippi Langstrumpf auch auf, die erste Fassung des Manuskripts war schließlich ein Geburtstagsgeschenk für Karin. Als sie den Text im Jahr 1944 erstmals bei einem Verlag einreichte, reagierte dieser zunächst ablehnend. Nachdem Astrid Lindgren dann aber mit dem Kinderbuch Britt-Mari erleichtert ihr Herz einen Literaturwettbewerb gewonnen hatte, nahm der Verlag Rabén & Sjögren Pippi Langstrumpf doch an und stellte zudem Astrid Lindgren selbst als Lektorin ein.

Bei den jungen Lesern wurde Pippi Langstrumpf schnell sehr beliebt, von Eltern und Erziehern hagelte es aber auch viel Kritik. Der Oetinger-Verlag brachte Pippi Langstrumpf 1949 auf Deutsch heraus, nachdem fünf andere deutsche Verlage das Buch bereits abgelehnt hatten - Oetinger veröffentlichte später auch alle weitere Lindgren-Bücher und wurde so zu einem Wegbereiter der skandinavischen Kinderliteratur in Deutschland.

Screenshot aus Pippi Langstrumpf Screenshot aus Pippi Langstrumpf
Wir machen uns die Welt, widde-widde-wie sie uns gefällt: Pippi Langstrumpf hat mit ihren Freunden Tommy und Annika viel Spaß in der Villa Kunterbunt Krasser Kurswechsel: Als Pippi gegen Freibeuter kämpfen muss, um ihren Vater zu befreien, wird aus dem Kinder-Klamauk ein spannendes Piraten-Abenteuer

In den folgenden Jahrzehnten schrieb Astrid Lindgren zahlreiche weitere erfolgreiche Kinderbücher, früh beispielsweise die Abenteuer des jungen Meisterdetektivs Kalle Blomquist in drei Bänden sowie ab Ende der 40er Jahre die Reihe um die Kinder aus Bullerbü. Mitte der 50er Jahre flog Karlsson vom Dach mit seinem Propeller auf dem Rücken durch die Kinderbuchwelt und 1963 wurde Michel aus Lönneberga geboren, der mit seinen Streichen ordentlich Leben auf den heimatlichen Katthult-Hof bringt und dafür immer wieder im Tischlerschuppen eingesperrt wird. Im schwedischen Original heißt Michel übrigens Emil, speziell im Deutschen wurde sein Name aber zu Michel geändert, damit man ihn nicht mit Emil aus Erich Kästners Emil und die Detektive verwechseln kann.

Für eine politische Debatte im schwedischen Parlament sorgte in den 70ern Jahren eins von Lindgrens späteren Werken: Die Brüder Löwenherz, erschienen 1973, handelt von dem todkranken 9-jährigen Karl, Spitzname "Krümel", und dessen tapferen älteren Bruder Jonathan Löwe. Um seinem kleinen Bruder die Angst vor dem Tod zu nehmen, erzählt Jonathan Krümel Geschichten von dem Königreich Nangijala, wo er nach seinem Tod leben wird - gesund und abenteuerlustig. Dann kommt aber alles ganz anders, denn bei einem Feuer kommt Jonathan frühzeitig ums Leben. Als später auch Krümel an seiner Krankheit stirbt, findet er sich tatsächlich in Nangijala wieder und trifft dort auch seinen Bruder Jonathan, der bereits auf ihn gewartet hat. Als Brüder Löwenherz wagen die beiden den Kampf gegen den Drachen Katla, ziehen sich dabei aber todbringende Verletzungen zu. Um sich einen qualvollen Tod zu ersparen, springen die zwei Brüder eine Klippe hinab - denn, so erzählt Jonathan, dann würden sie in Nangilima landen, einem weiteren Königreich, in dem ihre derzeitigen Verletzungen der Vergangenheit angehören. Das Buch endet mit Krümels freudigem Ausruf "Ich sehe das Licht!", aber ob sie tatsächlich in Nangilima ankommen, bleibt offen.

Lindgren war eine der ersten Kinderbuch-Autorinnen, die das Thema Tod aufgriffen hat, das schwedische Parlament warf ihr jedoch vor, mit ihrem Buch den Suizid zu verherrlichen. Lindgren war Mitglied in dem Verein Das Recht auf unseren Tod, der sich für würdiges Sterben einsetzt - besonders auch dafür, dass man bei unheilbaren Krankheiten selbst entscheiden kann, sein Leben zu beenden. Außerdem setzte sich Lindgren für die Rechte von Kindern und Tieren ein.

Screenshot aus Die Brüder Löwenherz Screenshot aus Die Brüder Löwenherz
"Krümel" muss bald sterben: Um seinem kleinen Bruder die Angst vor dem Tod zu nehmen, erzählt Jonathan ihm vom Lande Nangijala Abenteuer in Nangijala: Als Brüder Löwenherz kämpfen Jonathan und "Krümel" gegen Raubritter, Drachen und mehr

Im Lauf ihres Lebens erhielt Lindgren zahlreiche Auszeichnungen, sowohl für einzelne Bücher als auch für ihr Lebenswerk. So durfte sie etwa 1978 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels an sich nehmen. Heute sind zahlreiche Preise sogar nach ihr benannt, seit 2002 wird beispielsweise jedes Jahr der Astrid-Lindgren-Gedächtnis-Preis verliehen. Auch tragen weltweit über 150 Schulen ihren Namen. Und im Jahr 1994 erhielt sie als Preis für ihr gesamtes Leben, ihre schriftstellerische Tätigkeit und ihren Einsatz für Kinder den Right Livelihood Award.

Im schwedischen Vimmerby, ihrem Geburtsort, findet sich heute der Freizeitpark Astrid Lindgrens Värld, während ihre ehemalige Wohnung in Stockholm zu einem Museum ausgebaut wurde. Lindgrens Privatarchiv, darunter Briefe von Kindern aus aller Welt und von Schriftsteller-Kollegen, kamen nach ihrem Tod im Jahr 2002 in der Königliche Bibliothek in Stockholm unter und zählen heute zum Weltdokumentenerbe.

Astrid Lindgren selbst fasste ihr Leben übrigens wie folgt zusammen: "Das einzige, was ich hier auf Erden zustande gebracht habe, sind eine Menge Einfälle, und es ist mir selber rätselhaft, wie man so unentwegt mit lauter, zum Teil überdies noch recht verschrobenen Einfällen leben und fast sterben kann." Nun, diese recht verschrobenen Einfälle haben sie bekannt und beliebt gemacht, von daher kann Lindgren auf ein sehr erfülltes Leben zurück blicken und sicher auch noch zahlreiche weitere Generationen von Kindern begeistern.


Ronja Räubertochter

Ronja Räubertochter ist der Brückenschlag, der Astrid Lindgrens Werke auch für "Otaku" (Japan- und insbesondere Anime-Fans) interessant macht. Seit 2014 wurde die Geschichte nämlich von niemand geringerem als dem Studio Ghibli als 26-teilige Anime-Serie umgesetzt. Die ersten beiden Folgen liefen in Japan am 11. Oktober 2014 - bei uns in Deutschland wurde die Serie bislang zwar nicht im Fernsehen gezeigt, ist aber seit Oktober 2016 komplett auf vier DVDs und Blu-rays erschienen. Regie bei der Anime-Serie führte Goro Miyazaki, der Sohn von Ghibli-Meister Hayao Miyazaki. In Japan kennt man die Serie unter dem Titel Sanzoku no Musume Ronia.

Astrid Lindgrens Buchvorlage erschien im Jahr 1981 und war eins der letzten großen Werke der schwedischen Kinderbuch-Autorin. Die Handlung orientiert sich sehr frei an William Shakespeares Romeo und Julia, nutzt aber ein ganz anderes Setting und erzählt vor allem deutlich kindgerechter.

Die Titelheldin Ronja ist die Tochter des Räuberhauptmanns Mattis, der mit seiner Räuberbande in einer Burg inmitten eines grünen Waldes lebt - und zwar davon, dass er die Kaufleute ausraubt, die durch diesen Wald ziehen müssen. Es gibt in der Gegend aber noch eine andere Räuberbande, welche von Mattis' Erzrivalen Borka angeführt wird, und die beiden leben in einem ständigen Konkurrenzkampf. Die Geschichte nimmt ihren Anfang, als sich die Borkabande in einem abgetrennten Teil der Mattisburg einnistet. Während Mattis nun mit allen Mitteln versucht, Borka aus seiner Burg wieder heraus zu befördern, lernt Ronja Borkas gleichaltrigen Sohn Birk kennen und freundet sich schnell mit ihm an - eine Freundschaft, die aufgrund der Feindschaft ihrer Eltern eigentlich nicht sein dürfte und deshalb zunächst geheim gehalten werden muss. Als Mattis dann aber Birk gefangen nimmt, um Borka so zu erpressen, beginnen die Ereignisse, sich zu überschlagen, und Ronja und Birk treffen eine folgenreiche Entscheidung.

Screenshot aus Ronja Räubertochter (Anime) Screenshot aus Ronja Räubertochter (Anime)
Eine Freundschaft, die nicht sein darf: Ronja und ihr Wahlbruder Birk aus einer verfeindeten Räuberbande Phantastik im Mattiswald: So lange sie nur Beeren sammeln, sind die Rumpelwichte eigenlich ganz harmlos

Dabei ist Ronja Räubertochter kein absolut realistischer Historienroman. Mattis und Borka gehen dafür, dass sie zwei verfeindete Räuberhauptmänner sind, eigentlich viel zu sanft miteinander um, aber das ist nachvollziehbar im Hinblick darauf, dass es ja eine Kindergeschichte sein soll. Ob eine mächtige Burg durch einen einfachen Blitzeinschlag tatsächlich so sehr in Mitleidenschaft gezogen werden kann wie die Mattisburg, möchte ich doch auch stark bezweifeln, aber vielleicht haben da ja auch übernatürliche Kräfte mitgeholfen. Denn auch die Fantasy-Schiene wird am Rande mit bedient: In dem Wald, in dem die Räuber ihr Unwesen treiben, leben nicht nur Füchse, Bären und Wildpferde, sondern auch beispielsweise die Rumpelwichte, ein friedliches Zwergenvolk, das in Erdhöhlen lebt und sich von Beeren ernährt - und mit denen Ronja eines Wintertages ungewollt aneinander gerät. Eine besonders anmutige, ein wenig geisterhafte, aber doch sehr harmlose Erscheinung sind die Dunkeltrolle, die in Vollmondnächten tanzen. In Acht nehmen sollte man sich dagegen vor den Wilddruden, geflügelten Hexen, die nichts lieber machen, als Menschen anzugreifen und ihnen das Blut aus dem Leib zu pressen. Besonders der Sommertag, an dem Ronja und Birk beim Baden im Fluss von einem ganzen Schwarm Wilddruden überrascht werden, ist sehr dramatisch.

Bereits 1984, nur drei Jahre nach Veröffentlichung des Buches, wurde Ronja Räubertochter als schwedischer Realfilm umgesetzt - mit dem ich persönlich aber nie so ganz warm geworden bin, obwohl ich andere Astrid-Lindgren-Verfilmungen eigentlich sehr gern mag. Der Anime war für mich aber schon allein aufgrund der Namen "Ghibli" und "Miyazaki" ein Pflichtprogramm. Zwar wurde die Cel-Shading-Grafik bereits im Vorfeld von einigen Ghibli-Fans verschrien, ist sie doch ein gewaltiger Schritt weg von den handgezeichneten alten Ghibli-Kinofilmen. Aber ganz ehrlich: Nach ein, zwei Folgen hat man sich schon an den Grafikstil gewöhnt und er fällt absolut nicht mehr störend ins Gewicht - wenngleich die Konzeptzeichnungen, die im Ending eingeblendet werden, dann doch wieder ein wenig Salz in die Wunde streuen. Besonders gelungen finde ich die grafische Ausarbeitung des Waldes in allen Jahreszeiten. Egal ob Sommer, Herbst oder Winter: Die Animatoren fangen immer die richtige Stimmung ein und sorgen dafür, dass man mit Ronja Räubertochter träumen und die Zeit vergessen kann.

Screenshot aus Ronja Räubertochter (Anime) Screenshot aus Ronja Räubertochter (Anime)
Ob Sommer oder Winter, ob Tag oder Nacht: Ronja Räubertochter fängt jederzeit die passende Atmosphäre ein Konzeptzeichnungen: Der Nachspann zeigt, wie die Charaktere als Handzeichnungen hätten aussehen können

Denn man kann nicht weg reden, dass die Handlung etwas sehr weitschweifig erzählt wird. 26 Folgen mal 25 Minuten macht rund 11 Stunden für die ganze Serie. Der schwedische Realfilm packte die ganze Geschichte in gut zwei Stunden, ohne dass es gehetzt wirkt. Sicher hätte man also auch den Anime mit der halben Folgenanzahl erzählen können, trotzdem sind mir keine nennenswerten Längen aufgefallen. Sequenzen, in denen etwa Ronja und Birk einfach mal ein paar Minuten lang durch den Wald tollen, ohne dass die Handlung fortgeführt wird, tragen zum Aufbau der Atmosphäre bei und fallen absolut nicht störend auf. Besonders gut gelungen finde ich persönlich Ronjas Nachtwanderung zur Bärenhöhle in Folge 17: Diese kostet im Buch knapp zwei Seiten, nimmt dagegen im Anime eine halbe Folge ein, ist aber wunderschön umgesetzt.

Und auch das deutsche Opening muss gelobt werden: Das japanische Original The Shout of Spring ist natürlich ebenfalls ein gutes Lied, klingt aber ein wenig zu brav für eine Serie wie Ronja Räubertochter. Die deutsche Fassung Frühlingsschrei, gesungen von Marie-Christin Morgenstern, passt mit einer kräftigeren Gesangsstimme und stärkerer Orchestration einfach besser zur Räuberthematik, wie sie in der Serie vorherrscht. Aoi Teshimas sanftere Stimme aus dem japanischen Original stellt Ronja ein wenig zu gebrechlich dar. Dafür schlägt im Japanischen der Ending-Song Player von Mari Natsuki den kräftigeren Stil ein - das japanische Ending wurde bei uns allerdings nicht übernommen, stattdessen ist im deutschen Abspann ebenfalls Frühlingsschrei zu hören.


Bildnachweis: Alle Screenshots in diesem Artikel sind selbst erstellt. Das Copyright liegt bei den Rechteinhabern der jeweiligen Filme und Serien.
Die Brüder Löwenherz: © Svensk Filmindustri, Mio, mein Mio: © Nordisk Tonefilm International, Norway Film Development, Svenska Filminstitutet, Sovinfilm, Pippi Langstrumpf: © Nord Art, Hessischer Rundfunk, Sanzoku no Musume Ronia (Ronja Räubertochter): © Polygon Pictures, Studio Ghibli


Letzte Änderung: 02.05.2017 • ImpressumDatenschutzNach oben