Ein Tintenglas

Leseprobe

Der böse Bücherwurm

Stress pur!
Frau Schiller lief eilig zwischen Küche und Esszimmer hin und her. Schnell die Suppe auf dem Herd umgerührt, hastig einen Stapel Teller aus dem Schrank gehoben, diesen unter dem einen Arm eingeklemmt, damit der andere Arm noch frei war, um unterwegs die Schnitzel in der Pfanne wenden zu können. Für diesen Abend war nämlich der Chef von Frau Schillers Mann zum Essen eingeladen, und da musste freilich alles tiptop sein, damit Herr Schiller bloß nicht seine Chance auf eine Beförderung verspielte.
"Die Außerirdischen sind auf dem Dachboden gelandet! Wir versuchen, ihre Funksignale zu entschlüsseln!"
Frau Schiller blieb erschrocken stehen. Zwei der Teller rutschten ihr unter dem Arm weg und zerklirrten geräuschvoll auf dem gefliesten Küchenboden.
"Sie wollen den Drachen im Keller wecken, um mit seinem Feuer ihren Hyper-Warp-Antrieb zu zünden!"
Florian, der zehnjährige Sohn von Frau Schiller, stürmte in die Küche, schnappte sich den nächstbesten Kochlöffel und fuchtelte damit in der Luft herum wie mit einem Schwert.
"Gib auf und zeig mir den Weg zu eurem Kapitän, du vierbeiniges Jupiter-Scheusal!"
Er hatte diese Worte an einen gewöhnlichen Küchenstuhl gerichtet. Der Junge verfügte über eine blühende Phantasie, er band regelmäßig alle möglichen Haushaltsgegenstände in seine Ritter- oder Weltraum-geschichten ein. Dazu hatte Frau Schiller im Moment allerdings keinen Nerv. Sie sah verzweifelt an die Decke und zählte innerlich bis zehn.
"Mama", rief Florian, "kannst du die Luftschleuse öffnen, damit die Funksignale in die Kommandozentrale durchdringen können?"
Er zeigte dabei auf den Backofen. Frau Schiller seufzte.
"Florian", sagte sie so ruhig wie möglich, "bitte, ich habe im Moment keine Zeit für deine Geschichten. Du weißt, dass dein Vater heute Abend wichtigen Besuch erwartet. Warum spielst du nicht in deinem Zimmer?"
"Aber Mama", erwiderte Florian, "wenn die Außerirdischen ihren Hyper-Warp-Antrieb zünden, erreichen sie vor uns den Planeten Alpha-Omega und ..."
"... sind dann eben zuerst da", unterbrach Frau Schiller und nahm ihrem Filius den Kochlöffel aus der Hand, "du kannst auch morgen noch das Universum retten. Die Außerirdischen müssen sicher auch schlafen."
"Ja, eben deshalb", verteidigte sich Florian, "so lange sie schlafen, müssen wir uns etwas überlegen, wie wir den Drachen unbemerkt vor ihnen verstecken können!"
Frau Schiller sah den Jungen ernst an.
"Schon gut, Mama", seufzte Florian, "der Drache ist wahrscheinlich sowieso gerade auf einem nächtlichen Rundflug."

Peng!
Wütend knallte Florian seine Zimmertür hinter sich zu und warf sich auf den Sitzsack, der in der Mitte seines Zimmers lag und den er immer gern als "Drachenfelsen" bezeichnete. Diese Erwachsenen müssen immer alles so ernst nehmen! Keine Phantasie haben sie, kein einziger von ihnen! Wie kann man bloß an so etwas Gewöhnliches wie eine Beförderung denken, wenn die Zukunft des Planeten Alpha-Omega auf dem Spiel steht? Es war doch immer das gleiche mit diesen Eltern.
"Hey, du, pssst", flüsterte eine Stimme.
"Wer, ich?" erschrak Florian. "Wer spricht da? Und wo bist du?"
"Auf deinem Schreibtisch", antwortete die Stimme.
Florian war viel zu verdutzt, um überhaupt auf die Idee zu kommen, Angst zu haben, und so stand er auf und lief hinüber zu seinem Schreibtisch, der unter einem großen Dachfenster stand, auf das draußen gerade der Regen prasselte. Hinter einem Stapel Schulbücher lugte eine kleine Raupe hervor, die, so unglaublich es auch aussehen mochte, eine Brille trug.
"Wer oder was bist du denn?" fragte Florian. "Bist du ein Bücherwurm?"
"Nicht ganz richtig", erklärte die Raupe, "obwohl ich nicht abstreiten kann, dass ich beruflich mit Büchern zu tun habe."
"Beruflich?"
Florian wunderte sich. Seit wann konnte eine Raupe denn einen Beruf ausüben?
"Du hast eine blühende Phantasie", erklärte das kleine Insekt weiter, "das ist von Geburt an dein Schicksal, durch deinen Namen."
"Wieso? Was hat denn mein Name damit zu tun?"
"Florian kommt von Flora", sagte die Raupe, "die Pflanzenwelt. Und Blumen blühen, genau wie deine Phantasie."
"Schon", erwiderte Florian, "aber was nützt mir das? Nie hat irgendjemand Zeit für meine Geschichten, weder meine Eltern noch meine Mitschüler. Alle sagen immer nur, ich nerve sie damit."
"Du musst deine Geschichten zu Papier bringen", erklärte die Raupe, "sie für die Nachwelt archivieren. Worte vergehen, Geschriebenes bleibt bestehen. Wenn in dem Moment, in dem dir ein gutes Abenteuer einfällt, keiner die Zeit hat, um es sich anzuhören, dann musst du es aufschreiben. So kann es jederzeit nachgelesen werden!"
"Die Idee ist gut", sagte Florian leise und ließ seinen Blick über ein Regalbrett voller spannender Abenteuerbücher schweifen, "aber ich glaube nicht, dass ich ein gutes Buch schreiben könnte."
"Genau deshalb bin ich gekommen", rief die Raupe, "es ist mein Job, dir dabei zu helfen! Ich bin eine Inspiration! Du darfst mich Inspi nennen."
Inspi kroch hinter dem Bücherstapel hervor. Florian sah nun, dass das kleine Tier weniger nach einer Raupe als vielmehr nach einer Schlange im Miniaturformat aussah.
"Schau mal auf die Fensterbank", sagte Inspi.
Florian richtete sich auf, um die Fensterbank sehen zu können, und entdeckte dort ein kleines Tintengläschen.
"Was ist das?" fragte er.
"Tinte", antwortete Inspi, "alle großen Dichter haben mit Tinte geschrieben. Das hat eine kreative Wirkung, weißt du? Deshalb musst auch du mit Tinte schreiben. Und mit einer Gänsefeder."
Florian sah noch einmal hin. Tatsächlich, neben dem Tintengläschen lag auch noch eine weiße Gänsefeder. Draußen donnerte es. Ein Blitz zuckte über den Nachthimmel. Sein grelles Licht wurde von der Feder erschreckend gespenstisch reflektiert.
"Du meinst also", fragte Florian vorsichtig, "dass meine Geschichten besser gelingen, nur weil ich sie mit Feder und Tinte schreibe?"
"Zur Hälfte", stimmte Inspi zu, "aber zur anderen Hälfte liegt es auch an mir. Du musst für den Anfang genau das schreiben, was ich dir diktiere. So kommst du in Übung und entwickelst ein Gespür für spannungsaufbauende Tricks und Kniffe."
Florian seufzte. Diktate konnte er schon in der Schule nicht leiden. Einen vorgegebenen Text aufzuschreiben, ohne seine eigene Phantasie einbringen zu können, war doch sterbenslangweilig. Trotzdem stellte Florian das Tinten-gläschen auf seinen Schreibtisch und nahm die Feder entschlossen in seine rechte Hand. Die Aussicht darauf, gute Geschichten schreiben zu können, war verlockend genug. Das rechtfertigte es auch, vorher ein paar Seiten Diktat über sich ergehen lassen zu müssen.
"Also", forderte Florian, "leg los, Inspi! Was soll ich schreiben?"
"Würde dir eine Geschichte über einen abenteuerlustigen jungen König gefallen", fragte die Inspiration, "der eine verzauberte Krone finden muss?"
"Sicher, das ist bestimmt spannend!"
"Gut", sagte Inspi, "dann pass auf und schreib folgendes ..."

König Tristan betrat die Höhle der Macht. Auf einem steinernen Tisch lag eine goldene Krone, besetzt mit rot funkelnden Rubinen. Der König schritt auf die Krone zu und hob sie hoch. Tatsächlich, sie war es, die echte Krone der Alten Meister! Und sie gehörte jetzt endlich König Tristan! Er setzte das Goldstück auf seinen Kopf und spürte bereits die Macht durch sein Gehirn fließen. Triumphierend lachte er.

Florian saß wie versteinert da und schaute die Inspiration mit großen Augen an.
"Warum schreibst du das nicht auf?" fragte Inspi und klang leicht ärgerlich.
"Bist du sicher, dass das eine gute Geschichte wird?" fragte Florian vorsichtig zurück. "Ich meine, das geht doch alles viel zu schnell! Der König erreicht ja sein Ziel schon im ersten Absatz! Wo bleibt denn da die Spannung?"
"Das, äh, das ist ..."
Inspi schien angestrengt nachzudenken.
"Das ist ein literarischer Geheimtrick", sagte er schließlich, "der Leser denkt, es ist schon alles vorbei, aber dann kommt im zweiten Absatz die spannende Wendung, die alles durcheinander bringt und die deinen Leser an die Geschichte fesselt."
"Bist du sicher?" fragte Florian.
"Wer ist hier die Inspiration", zischte Inspi unwirsch, "du oder ich? Also schreib und überlass das Denken mir!"
"Ist ja schon gut", brummte Florian, "ich hab mir die Sache aber spaßiger vorgestellt."
Er tunkte die Feder in die Tinte und begann, den Absatz aufzuschreiben, den Inspi gerade diktiert hatte. Wie ein echter Deutschlehrer wiederholte die Inspiration den Text noch einmal langsam und Wort für Wort. Es musste wohl an der inspirierenden Kraft von Inspi liegen, aber jedes vollendete Wort glitzerte für einen kurzen Moment geheimnisvoll auf dem Papier, und wenn draußen ein Blitz zuckte, dann leuchteten gleichzeitig auch alle Buchstaben hell auf.
"Und wie geht's jetzt weiter?" fragte Florian, nachdem der Text seinen Weg auf das Papier gefunden hatte. Eine ganze Seite hatte der Junge handschriftlich vollgeschrieben. Er legte das Blatt beiseite, um auf der nächsten Seite die Geschichte fortsetzen zu können.
"Das passt schon so", sagte Inspi mit einem hämischen Unterton, "ich werde jetzt erstmal gehen und diesen Absatz auf dich wirken lassen. In einer der nächsten Nächte komme ich zurück, dann schreiben wir weiter. Jetzt gib mir meine Feder zurück!"
Florian griff nach der Feder und wollte sie gerade an die Inspiration reichen, als der nächste Blitz durch die Dunkelheit zischte. Auf ihn folgte keine Sekunde später ein mächtiger Donner, der von einem lauten Klirren begleitet wurde. Florians Dachfenster war in tausend kleine Scherben zerbrochen. Nachdem er den ersten Schrecken überwunden hatte, bemerkte der Junge, dass sich eine Schneeeule auf seinem Bettpfosten niedergelassen hatte. War sie durch das geschlossene Fenster ins Zimmer geflogen? Warum hatte sie das getan? Regentropfen prasselten auf den Schreibtisch.
"Leg die Feder aus der Hand", befahl die Eule.
"Halt dich da raus", zischte Inspi den Vogel an.
Florian sah verwirrt zwischen der Inspiration und der Eule hin und her.
"Leg die Feder aus der Hand", sagte der Vogel noch einmal, diesmal ernster, "und schreib kein einziges Wort!"
"Du bist sowieso zu spät, du lahmer Geier", giftete Inspi die Eule an, "diesmal kommst du mir nicht mehr in die Quere! Trotzdem, wenn du einen Kampf haben willst, nur zu!"
Florian fiel vor Schreck vom Stuhl, als Inspi plötzlich wie eine Heuschrecke in die Zimmermitte sprang. Noch in der Luft wuchs er innerhalb von Sekundenbruchteilen von einer kleinen Raupe zu einem drei Meter langen Lindwurm heran, der sich nun bedrohlich vor dem Bettpfosten aufrichtete und mit einer dünnen Schlangenzunge die Eule anzischte. Florian krabbelte rückwärts in die Ecke des Zimmers und beobachtete von dort aus, wie der Nachtvogel seine Flügel ausbreitete, die eine beeindruckende Spannweite hatten. Inspi riss das Maul auf und schoss mit dem Kopf nach vorne, offenbar wollte er die Eule beißen oder auffressen, doch der Vogel war mit einem geschickten Flügelschlag ausgewichen und packte mit seinen scharfen Krallen Inspi am Nacken. Während der Lindwurm mit der Schwanzspitze um sich schlug und vergeblich versuchte, die Eule zu treffen, schüttelte diese Inspis Kopf, als ob sie ihm das Genick brechen wollte. War es wirklich so? Wenn ja, warum? Schließlich beschloss Florian, dass er eingreifen musste. Er nahm einen Wasserball, der in seiner Reichweite lag, und warf ihn in Richtung der Eule. Tatsächlich ließ der Vogel, vom Ball getroffen, den Schlangenhals los.
"Dummkopf", schrie die Eule in Richtung des Jungen.
Inspi schüttelt sich kurz, dann riss er sein Maul auf, in dem Florian nun zum ersten Mal bedrohliche spitze Giftzähne sehen konnte. Die Eule reagierte schnell und gab der Schlange mit dem Flügel eine schallende Ohrfeige. Dann packte sie den nun leicht benommenen Lindwurm mit den Krallen und schleuderte ihn auf den Schreibtisch. Inspi richtete sich wieder auf und zischte die Eule an, doch der Nachtvogel zeigte sich davon unbeeindruckt. Er flog auf Inspi zu und trat ihm mit dem Krallenfuß ins Gesicht. Inspi knallte mit dem Kopf an den Fensterrahmen. Die Eule packte die Schlange an der Schwanzspitze und wendete all ihre Kraft auf, um Inspi schließlich mit aller Mühe in hohem Bogen aus dem Fenster zu schleudern. Ein letzter Blitz zuckte, ein letzter Donner grollte, dann legte sich auf einen Schlag das Gewitter. Die Eule ließ sich auf der Rückenlehne des Schreibtischstuhls nieder und begann, zu verschnaufen.
Es dauerte eine Weile, bis Florian begriffen hatte, was gerade alles passiert war. Doch dann sprang er entschlossen auf und stellte sich der Eule gegenüber.
"Was hast du gerade mit Inspi gemacht?" fragte der Junge wütend.
"Inspi?" fragte die Eule, noch leicht außer Atem.
"Meine Inspiration", schimpfte Florian und zeigte auf das kaputte Fenster, "die du gerade da raus geworfen hast!"
"Ach so", sagte die Eule und blickte ebenfalls zum Fenster, "als Inspiration hat er sich dir also vorgestellt!"
"War er denn keine?" fragte Florian.
Er wusste nicht, ob er der Eule vertrauen konnte. Andererseits hatte sich aber auch Inspi gegen Ende hin sehr merkwürdig benommen. Und die Eule schien für Florian nicht gefährlich zu sein. Hätte sie den Jungen umbringen wollen, sie hätte schon mehr als genug Gelegenheit dazu gehabt.
"Er, eine Inspiration", lachte der Nachtvogel, "ha! Dass ich nicht lache! Nein, ich glaube, ich muss dir erzählen, um was es hier geht!"
"Das ist ja wohl das mindeste", stimmte Florian zu. Er ließ sich auf seinem Sitzsack nieder und sah gespannt zu der Eule auf.
"Zunächst einmal", begann der Vogel, "nenn mich Eulalius, das ist mein Name. Und du bist?"
"Florian", antwortete der Junge, "Florian Schiller aus der 4d!"
"Gut", sagte Eulalius, "dann pass auf! Du hattest gerade die Ehre mit einem Bücherlindwurm! Er kommt aus Literatingen, genau wie ich."
"Literatingen?" fragte Florian verwirrt nach. "Ist das eine Stadt?"
"Oh nein", winkte Eulalius ab, "Literatingen eine Stadt, Gott behüte! Nein, Literatingen ist ein Universum, das aus vielen Planeten, vielen Ländern und vielen, vielen Städten besteht. Quasi eine Parallelwelt zu eurer Welt."
"Ein Spiegelbild unserer Welt?" fragte Florian.
"So kann man das nicht nennen", erklärte Eulalius, "denn es ist nicht etwa so, dass es zu jedem Ort in eurer Welt auch ein Gegenstück in Literatingen gibt, nein. Es ist vielmehr so, dass Literatingen parallel zu eurer Welt existiert, aber unter normalen Umständen ist es nicht möglich, zwischen den Welten hin und her zu reisen."
"Und wie kriegt ihr das dann hin?" wollte Florian wissen.
"Beziehungen", lächelte Eulalius, "ich gehöre zur Weltenpolizei. Die Götter Literatingens haben mich erschaffen, damit ich die Monster aufhalten kann, die die Fähigkeit des Weltenwechselns unerlaubt für finstere Machenschaften gebrauchen."
"War Inspi, ich meine, die Schlange auch so ein Monster?" fragte Florian vorsichtig.
"Ja, dieser Bücherlindwurm war auch so ein Monster", bestätigte Eulalius, "er war im Auftrag von König Tristan unterwegs, ein tyrannischer Diktator, der über einen Zwergstaat in Literatingen herrscht, aber natürlich viel lieber über das ganze Universum bestimmen würde."
"König Tristan, ah ja", wiederholte Florian und überlegte, wo er diesen Namen schon einmal gehört hatte.
"Nun ja", sagte Eulalius, plusterte sich auf und warf einen Blick auf das Blatt Papier, das zwar gut durchnässt, aber leer auf Florians Schreibtisch lag, "du hast ja zum Glück noch nichts geschrieben. Vergiss einfach, was heute Nacht passiert ist, du hast mit der Sache nichts mehr zu tun. Schönen Abend noch!"
Die Eule nickte Florian noch einmal freundlich zu, dann schlug sie mit den Flügeln, hob ab und flog aus dem Fenster davon. Der Junge sah Eulalius eine Weile lang hinterher, winkte sogar, dann fiel sein Blick allerdings auf das Blatt Papier, das er bereits unter Inspis Anweisung vollgeschrieben hatte und das nun unter dem Schreibtisch lag. Einen Moment lang starrte Florian den Schrieb an, dann sprang er auf, lief zum Fenster und lehnte sich hinaus.
"Eulalius", rief er, "warte! Komm zurück! Ich glaube, wir haben ein Problem!"
 
"Nicht zu fassen", stöhnte Eulalius eine Viertelstunde später. Er saß nun wieder auf Florians Bettpfosten, nachdem er zuvor mindestens zehn Mal die Seite vorwärts und rückwärts gelesen hatte.
"Nicht zu fassen", stöhnte Eulalius immer wieder, "aber irgendwann musste es ja mal so weit kommen! Es war nur eine Frage der Zeit!"
"Bitte, Eulalius", sagte Florian verunsichert, "erzähl mir, was an dieser Seite so schlimm ist!"
Der kurze Absatz musste für die Eule wirklich ein Weltuntergang sein, das spürte Florian, aber er fand keine Erklärung dafür, warum das so war.
"Du kannst nichts dafür", sagte Eulalius schließlich, "mach dir keine Vorwürfe! Es hätte jeden treffen können! Jeden!"
"Ja, aber was genau hat es mit der Seite auf sich?"
"Dieser Bücherlindwurm", begann Eulalius, "den du als Inspi kanntest - er hat dir also erzählt, er sei eine Inspiration, richtig?"
"Ja, genau", rief Florian, "so war es!"
"So macht er es seit Jahren", erklärte Eulalius, "er sucht Möchtegernschriftsteller in eurer Welt auf und stellt sich ihnen als Muse, als innere Eingebung oder eben als Inspiration vor. Und dann versucht er, sie dazu zu bringen, mit seiner Teufelstinte einen Absatz zu schreiben wie den, den du verfasst hast."
"Bin ich denn der erste, der das wirklich getan hat?" fragte Florian vorsichtig.
"Ja", sagte Eulalius, "die meisten halten den Text entweder für so großen Mumpitz, dass sie ihn nicht aufschreiben wollen, oder ich greife rechtzeitig ein. Aber wie gesagt, mach dir keine Vorwürfe, du kannst nichts dafür. Es musste irgendwann einmal passieren, es war nur eine Frage der Zeit!"
"Aber warum ist der Absatz so schlimm?" fragte Florian verwirrt.
"Der Absatz nicht", erklärte Eulalius, "die Tinte ist es, die Teufelstinte!"
Florian sah sich im Zimmer um und suchte nach dem Tintenglas. Schließlich fand er es zerbrochen unter seinem Bett liegend. Die Tinte war ausgelaufen und bereits im Teppichboden eingetrocknet.
"Sie heißt nicht wirklich Teufelstinte", fuhr Eulalius fort, "ich nenne sie nur so, weil ich ihre Wirkung als teuflisch ansehe. Denn alles, was mit dieser Tinte geschrieben wird, passiert im gleichen Augenblick genau so in Literatingen."
"Das heißt also", fragte Florian und überflog noch einmal die verhängnisvolle Seite, "dass dieser König Tristan diese Krone der Alten Meister tatsächlich an sich genommen hat? In dem Moment, in dem ich das geschrieben habe?"
"Ist schwer, sich das vorzustellen", stimmte Eulalius zu, "aber ja, genau so ist das!"
"Und diese Krone", begann Florian.
"... verleiht ihrem Besitzer unendliche Macht", vollendete Eulalius den Satz.
Florian sah die Eule mit großen Augen an.
"Du musst wissen, dass in Literatingen quasi nichts unmöglich ist", fuhr Eulalius fort, "alles, was man in eurer Welt mit Worten ausdrücken kann, kann in unserer Welt tatsächlich geschehen. Die vermaledeite Krone hat sich mal irgendein wahnsinniger Minnesänger im Mittelalter ausgedacht, ebenfalls mit der Teufelstinte. Wer sie auf dem Kopf hat, kann über jedes andere Lebewesen herrschen. Niemand kann sich den Befehlen des Kronenträgers widersetzen, das ist die Macht dieser Krone. Deshalb war es König Tristans Ziel, die Krone in seine Finger zu kriegen, was er unter normalen Umständen niemals hätte schaffen können. König Tristans Zwergstaat und die Krone befanden sich in unserem Universum auf zwei verschiedenen Planeten, die 70.000 Lichtjahre voneinander entfernt sind. Das ist eine Entfernung, die man sich gar nicht vorstellen kann!"
"Und als ich den Text geschrieben habe", versuchte Florian zu verstehen, "konnte König Tristan dadurch innerhalb einer Sekunde diese 70.000 Lichtjahre überspringen und die Krone an sich nehmen?"
Die Eule nickte.
"Doof, dass das Tintenglas zerbrochen ist", brummte Florian, "sonst hätte ich einfach schreiben könnten, dass König Tristan die Krone wieder los wird."
Eulalius riss die Augen weit auf und starrte den Jungen mit offenem Schnabel an.
"Ist was?" fragte Florian verwirrt.
"Dass ich auf die Idee noch nicht selber gekommen bin", rief Eulalius und schlug sich den Flügel an die Stirn, "natürlich kann man mit der Teufelstinte alles, was geschrieben wurde, auch wieder rückgängig schreiben! Ich bin wirklich ein selten dämlicher Kauz!"
"Ja, schon", sagte Florian, "aber wie gesagt, das Tintenglas ist zerbrochen."
Er hob die Feder auf, die vor dem Schreibtisch am Boden lag.
"Ein bisschen Tinte ist hier noch dran", stellte er fest, "aber ich fürchte, für mehr als fünf oder höchstens zehn Worte reicht das nicht mehr."
"Dann überlegen wir mal", beschloss Eulalius, "was wir mit maximal zehn Worten alles ausrichten können."
"Ich könnte schreiben, dass König Tristan tot umfällt", schlug Florian vor und musste dabei ein bisschen lachen.
"Schön wär's", sagte Eulalius und konnte sich ebenfalls einen kurzen Kicherer nicht verkneifen, "nur wäre das keine Dauerlösung. Literatur ist unsterblich. König Tristan wäre für den Moment zwar tot, ja - aber der nächste Bücherlindwurm, denn Inspi war natürlich nicht der einzige von der Sorte, würde seinem Opfer einfach befehlen, den Kerl zurück ins Leben zu schreiben, et voila!"
"Und die Krone einfach woanders hinschreiben?" überlegte Florian weiter, "an einen unzugänglichen Ort? Vielleicht an den Mittelpunkt der Erde?"
"Geht auch nicht", seufzte Eulalius, "jeder Ort der Welt ist durch Literatur irgendwie zugänglich. Kennst du Jules Vernes Die Reise zum Mittelpunkt der Erde, um auf dein Beispiel einzugehen?"
"Aber gibt es denn dann überhaupt etwas, was wir tun können?" fragte Florian verzweifelt.
"Wahrscheinlich nicht", sagte Eulalius, "jedenfalls nicht von hier aus. Nicht mit so wenigen Worten!"
"Das heißt?" fragte Florian weiter.
"Das heißt, dass ich eine Idee habe", sagte Eulalius und begann, wieder zu lächeln.
Die Eule flog auf den Schreibtisch und nahm die Feder in die rechte Kralle.
"Was hast du vor?" fragte Florian verwirrt. "Was willst du schreiben?"
"Das wirst du gleich merken", grinste Eulalius und setzte die Feder auf das leere Blatt Papier.


Ende des 1. Kapitels • Fortsetzung im Buch Teufelstinte